Jan Schmidt

Rosso Levanto

6. August bis 15. Oktober 2023

Zwischen dem 23.7. und dem 20.8.2023 arbeitete der Künstler Jan Schmidt in unserem Museumsraum an seiner Sägearbeit #6 aus rotem Marmor.

Sensibilität und Achtsamkeit im Umgang mit der Natur sind die wesentlichen Markenzeichen des 1973 in Wiesbaden geborenen Bildhauers Jan Schmidt.
Der Titel der Ausstellung „Rosso Levanto“ verweist unmittelbar auf das Material mit dem Jan Schmidt in Goch arbeiten wird. Es ist der norditalienische, rötliche Marmor, der seit dem Mittelalter für zahlreiche bedeutende Bauwerke vorwiegend im Innenraum für Säulen oder Balustraden und für kunsthandwerkliche Objekte Verwendung fand.
In einem zuvor genau festgelegten Prozess sägt der Künstler in den Stein, so dass sich zu beiden Seiten feine Häufchen aus Steinstaub bilden, die den Verfallsprozess des Materials dokumentieren. Da sich Schmidt mit dem Stein auf einer festgelegten Bahn durch den Raum bewegt, entsteht ein nahezu symmetrisches Feld aus kleinen Steinstaubhügeln. 

Der Stein selbst wird von Schmidt nicht vollständig zersägt, sondern nur angesägt, damit die links und rechts entstehenden Steinhäufchen nicht in sich zusammenfallen, sondern genau nur jene Höhe erreichen, in der sie stabil gehäuft liegen bleiben.

Der Stein selbst, der nach der Arbeit von unzähligen Sägespuren durchzogen sein wird, wird schließlich auf einem Sockel im Raum als Referenz positioniert.

Die Langsamkeit und Behutsamkeit ist eine hohe Qualität in der Arbeit von Jan Schmidt. Er verwandelt einen über Jahrmillion entstandenen, massiven Stein in ein flüchtiges Pulver, das keinem Windhauch zu trotzen vermag. Die Metamorphose an der uns der Künstler teilhaben lässt, führt zum Ursprung des Lebens. Alles entstand aus dem Nichts und alles wird sich in das Nichts verflüchtigen. Die Kunst vermag diesen Prozess für eine kurze Weile festzuhalten. Durch die ästhetischen Reihungen des Steinstaubes werden wir Zeugen der Zeit.

Der Umgang mit seinen Materialien ist getragen von äußerstem Respekt. Dies wird besonders deutlich in der Arbeit „Archiv eines Sommers“ aus dem Jahr 2019/2020. Für dieses Werk nummerierte Schmidt die Blätter eines Busches, des Japanischen Schneeballs (Viburnum Licatum). Er zählte 21.634 Blätter und nummerierte jedes Einzelne, bis sie im Herbst zu fallen begannen. „Dann sammelte ich sie auf und archivierte die Blätter in numerischer Reihenfolge in 21 Objektkästen. Da ich nicht jedes Blatt wiederfand, entstand eine vom Zufall bestimmte, lückenhafte Dokumentation einer Vegetationsperiode des Busches.“ 

Die Arbeit wurde erstmals 2021 im Deutschen Wetterdienst in Offenbach gezeigt, an jenem Ort, an dem auch der Japanische Schneeball stand. Nun ist sie auch Teil der Ausstellung in Goch.

Jan Schmidt setzt in dieser Arbeit der Natur ein Denkmal. Wie wir es aus naturkundlichen Ordnungssystemen kennen, sortiert der Künstler die Natur. Anders aber als im wissenschaftlichen Kontext entsteht eine neue Ordnung, eine künstlerische, die im Fall von Jan Schmidt auch eine zufällige ist. 

Jan Schmidts Arbeiten haben etwas Meditatives, ein sich versenken in das Material, das er, wie in unserem Fall, im Ausstellungsraum direkt vor Ort be- und verarbeitet. Dieser Prozess des Entstehens ist fundamentaler Bestandteil des Kunstwerkes und ist ein bereits öffentlicher Prozess, den wir im Vorfeld der Ausstellung mit unseren Besuchern begleiten können. Die Ausstellungseröffnung am 6. August dokumentiert nur einen Zwischenstand, denn die Bearbeitung des Steinblocks wird noch vierzehn Tage fortgesetzt. Der Besucher ist damit selbst Teil des zeitlichen Prozesses und erfährt seine eigene Existenz als selbst zeitgebunden und veränderlich.

Die Ausstellung und der Katalog entstehen in Kooperation mit der Galerie Anita Beckers, Frankfurt am Main und werden gefördert vom Land NRW im Rahmen des Themenjahres ERDUNG_aarding des Kulturraums Niederrhein.

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