Oehm, Dieter (1999)
Mit der Ausstellung, die 1999 im Museum Goch gezeigt wurde, konnten wir sowohl die Zeichnungen wie auch Skulpturen des Bildhauers Dieter Oehm erstmals umfassend zeigen. Inzwischen besitzt das Museum, finanziert durch den Verein der Freunde und Förderer e. V. eine große Skulptur, die den Eingangsbereich des Museums flankiert sowie einige Zeichnungen.
Dieter Oehms Skulpturen sind trotz ihrer massiven Ausfertigung fragile Geschöpfe, deren Aufbau einer notwendigen Tektonik zu trotzen scheinen.
Die spielerisch, additiv zusammengesetzten Holzkörper, oftmals handelt es sich nur um flache, einige Zentimeter dicke Platten, umkreisen das innere Zentrum der Figur, ohne daß das Zentrum selbst mittels Masse definiert wird. Vielmehr entwickelt sich ein reizvolles Spiel zwischen negativ bestimmter Leere auf der einen, und der diese Leere umgebenden Volumina auf der anderen Seite. Auf diese Weise greift der, die Figur umgebende Raum formbildend in die Skulptur ein, er dringt in sie ein und verleiht ihr Stabilität.
Das Aufbrechen des Holzkörpers führt zu reizvollen Aus- und Durchblicken, die den Figuren ihren leichten Charakter verleihen. Sie werden Teil der sie umgebenden Natur und auf diese Weise zum »Zeitunterbrecher« sie halten die Zeit an, sie stehen mächtig wie Zeichen in ihrer Landschaft und ziehen aufgrund der eigenen Fragilität den scheinbar sicheren Stand des Betrachters infrage.»Dieter Oehms monochrom bemalte Holzarbeiten sind belebte Skulpturen, denen der Künstler einen festen Platz zuordnen möchte, einen Raum, in dem sie für lange Zeit aus ihrer Stille heraus zum „Atem neuer Wirklichkeit“ werden.«
Die freibleibenden Räume im Innern der Skulpturen gewähren nicht nur Durchblicke, sondern werden auch zum Raum für das in sie eindringende Tageslicht. Die auf diese Weise erzielte Belebung der Arbeiten verweist unmittelbar auf das, mit den skulpturalen Arbeiten eng korrespondierende zeichnerische Werk von Dieter Oehm.
Die Blei- und Farbstiftzeichnungen des Künstlers, die oftmals der Größe der Skulpturen um nichts nachstehen, müssen gleichberechtigt neben seinem plastischen Schaffen bewertet werden. Die die Skulptur vorbereitende Ideenskizze ist in seinem Werk ebenso vertreten, wie die autonome, in sich abgeschlossene Komposition. Aber auch in seinen freien, von der konkreten Skulptur unabhängigen Zeichnungen versucht Dieter Oehm das Thema von Form, Energie und Licht anzugehen und künstlerisch zu verarbeiten.
Die Spannung und expansive Kraft, die den Zeichnungen eigen ist, liegt in der Konfrontation der vehemmenten, bis hin zur Aggressivität neigenden Handschrift des Künstlers und der Einfügung geometrischer Flächen, die oftmals nur durch ihre Umrißlinie definiert, auf dem Blatt stehen. Auf diese Weise erzeugt Oehm einen Tiefencharakter, der in einen unmittelbaren Dialog mit dem intensiv strahlenden Gelb tritt, das Oehm, neben Rot und Blau als zusätzliche Farbe in seine Zeichnungen einbringt. Die Beziehung, die auf der Zeichnung zwischen Farbe, künstlerischer Handschrift und geometrisch gefasster Leere entsteht, entspricht dabei der Spannung, aus deren Geist auch Oehms Skulpturen auf uns wirken.
Die Bündelung und Freisetzung von Energie, das Entstehen von Energie- und Leerräumen und die gegenseitige Durchdringung dieser Felder, ist Dieter Oehms künstlerisches Thema. Während ihm in der Zeichnung die persönliche, sehr direkte Handschrift sowie die verwendeten Farben zur Umsetzung der Idee zur Verfügung stehen, bleibt die Skulptur auf einer abstrakteren, sich nicht in gleicher Unmittelbarkeit und Anschaulichkeit erschließenden Ebene.
In seinen Zeichnungen gelingt es Dieter Oehm, sich von den natürlichen Grenzen der dreidimensionalen Skulptur zu lösen und das Zeichenblatt zu einem autonomen, keinen Gesetzen unterworfenem Energiefeld zu machen. Das Gestalten des Raumes, die Begegnung von Form und Fläche in diesem Raum und die in dieser Spannung imaginär freigesetze Energie ist eines der zentralen Motive in Oehms Schaffen, das die Skulptur wie die Zeichnug thematisch verbindet.
Stephan Mann (1997)



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