WIRKLICH JETZT! (2016)

WIRKLICH JETZT!

Teilnehmende Künstler: Jérome Gerull, Malte Stienen, Johanna Reich, Henning Frederik Malz, Peter Loewy (Essen), Eli Cortiñas

Die Ausstellung wird gefördert von der Kunststiftung NRW.

Unter dem Titel WIRKLICH JETZT! präsentiert das Museum Goch eine Reihe von künstlerischen Arbeiten, die sich medial unterschiedlich ausgerichtet mit uns umgebenden Lebenswirklichkeiten beschäftigen. Zugleich stellt die Ausstellung Fragen bezüglich der Relevanz, der mit den gezeigten Kunstwerken reflektierten Wirklichkeitsbezüge für den gegenwärtigen Kunst- und Ausstellungsbetrieb. Welche Trends, Sichtbarkeiten und Phänomene unserer Lebenswirklichkeit sind kunst- und ausstellungswürdig? Und sollen Ausstellungsinstitutionen mehr denn je die Rolle von Kraftwerken spielen, welche derartige Trends, Modeerscheinungen etc. ungefiltert reflektieren oder in ihrer visuellen Präsenz möglicherweise noch verstärken? Welche Erwartungen hegt das Publikum gegenüber Ausstellungsorten wie Kunstvereinen, freien Künstlerhäusern und Museen? Und wie definieren sich diese Orte selbst im Hinblick auf ihren Stellenwert im Kunstbetrieb und in der Gesellschaft? Wie aktuell müssen Ausstellungen sein? Atemlos jedem Trend, jeder Mode hinterherjagen, weil man sich damit gegenüber der Konkurrenz abhebt und mehr Besuchergruppen erreichen kann? Oder sich gerade bewusst dem Risiko aussetzen, noch nicht historisierbare künstlerische Äußerungen aufzugreifen, in bestimmte Zusammenhänge zu setzen, um sich so auf qualitativ hohem Niveau immer wieder neu mit unserer Wirklichkeit auseinanderzusetzen?

Die Ausstellung versucht weniger, auf derartige Fragen fertige Antworten zu geben. Stattdessen ist der Besucher selbst aufgefordert, seine individuelle Haltung zu den Kunstwerken zu finden, ihre Kunstwürdigkeit und -wertigkeit kritisch zu deuten und letztendlich seine Erwartungshaltung gegenüber etablierten Ausstellungsinstitutionen zu formulieren.

 

Eli Cortiñas
Paraiso Animal, 2015

In ihrem jüngsten Video, „Paraiso Animal“, löst sich Eli Cortiñas von der in früheren Arbeiten gegebenen ausschließlichen Verwendung von found footage und arbeitet nun mit selbstgedrehtem Material, um so ihre Filmsprache und Arbeitsmethodik konsequent weiter zu entwickeln. Sie übernimmt in Paraiso Animal mithilfe einer Bärenmaske die Rolle eines Tieres, das seines ursprünglichen Lebensraums beraubt und zunehmend in den städtischen Raum gedrängt wird. Bilder von der einsamen Stadt und der üppig wuchernden Natur wechseln sich ab, wobei das Tier in seinem vermeintlich natürlichen Habitat zu erstarren scheint. Die Arbeit ist als offene Serie mit mehreren Kapiteln konzipiert und wird fortlaufend weitergedreht.

Jérome Gerull
Stadt Gestalten
Renaissance der Städte

Der in Hamburg lebende Fotograf Jérome Gerull hat in den letzten zwei Jahren anonyme Portraits von in Deutschland lebenden Street Art Künstlern und ihren bevorzugten urbanen Spielorten gemacht. Fotografiert hat Gerull Künstler wie Alias, El Bocho, Hallo Karlo, Herbird, Hkdns, Lieb Sein, Marshal Arts, Pirho, Push, Ping Pong, Sope, Späm, Tona und Urben, die im Halbdunkel urbaner Labyrinthe leben und häufig versteckt agieren. Das Ergebnis ihrer illegalen Spray-Aktionen ist die Trophäe eines trotzigen Aufbegehrens gegenüber Obrigkeiten, vermeintlich ungerechten Verteilungsmechanismen oder eine mehr oder weniger ausgeprägten Haltung zu stadt-politischen Entscheidungsvorgängen. Streetartists sind bewusst oder unbewusst ein Teil der Bewegung „Recht auf Stadt“, welche die Städte u.a. nicht alleinig den allgegenwärtigen Investoren überlassen möchten. Die Künstler wollen die urbanen Räume mit- und umgestalten.
In seiner Serie „Stadtgestalten“ hat der Fotograf Jérome Gerull die Künstler bei ihren nächtlichen Streifzügen und in ihren Ateliers in Berlin und Hamburg intensiv begleitet und porträtiert. Die Bilder zeigen eine versteckt agierende, gut vernetzte urbane Künstlerbewegung.
In seiner Serie „Renaissance der Städte“ begleitet er symbolhaft den Aufwertungsprozess von deutschen Großstädten.

Henning Frederik Malz
Video, Installation, 2015

Die Arbeiten des Videokünstlers Henning Frederik Malz entstehen in der Regel aus dem Kontext einer andauernden Serie von Found Footage Kurzfilmen. Der Künstler ist ein sezierender Beobachter seines eigenen Mediums und durchforstet Spielfilme, Imagefilme oder auch Musikvideos nach prägnanten Motiven, die als Filtrat des jeweiligen Bild Vokabulars sich derer Versprechen bedienen und reflektieren. Präzise akkumuliert er im Schnitt die Bilder zu einem dichten Sog, der die Mechanismen narrativer Strukturen übersteigert und in analytischer Distanz kommentiert. Die Quelle seines Materials findet er in den Medien- und abspieltechnischen Umwälzungen der 80er, 90er und 00er Jahre– von VHS, DVD bis Youtube. Seine experimentellen Filme sind eine Komprimierung ausgewählter Bilder von nahezu ikonischer Qualität, die weniger auf repräsentativen Anspruch zielen, als dass sie auf die Rhetorik des ursprünglichen Materials verweisen. Erstmalig erweitert er in seiner im Museum Goch gezeigten Arbeit sein künstlerisches Repertoire und inszeniert seine Videoarbeit in Mitten von skulpturalen Objekten. Während einige mit reflektierendem Abwehrband für Wildtiere sich eindeutig in dem Bereich von Vogelscheuchen verorten lassen, changieren die Objekte, die in Form eines (verbundenen) Kopfes auf einer Stange befestigt sind, zwischen Vogelscheuche und Gruselobjekt. Dazwischen läuft ein Film der verschiedene Szenen aus menschenleeren Gegenden zeigt, die sofort an Horrorfilme erinnern ohne jedoch eine einzige Horrorszene zu zeigen.

 Johanna Reich
Heroines und Amazonen

Johanna Reich sammelt auf einer bildnerischen Ebene digtale Collagen: junge Mädchen werden in Bewegt- und Standbild portraitiert, während auf ihren Gesichtern ihre jeweiligen Vorbilder projiziert werden. Jede Teilnehmerin wählt für sich das Bild einer Ikone aus, die sie aufgrund von Charakter, Lebenslauf oder einer speziellen Begabung fasziniert. Dieses Bild wird auf das Gesicht der Teilnehmerin projiziert und mit der Kamera festgehalten. In der Verschmelzung von Projektion und Gesicht entsteht ein neues, eigenständiges Portrait, das seine Energie aus dem Spannungsfeld zwischen ikonenhafter Inszenierung und alltäglicher Gegenwart schafft; es entsteht eine Heroine, benannt nach den Halbgötinnen der Antike. Daran anschließend nimmt die Arbeit Heroines sich die in den Traumfabriken und den Massenmedien erzeugten Bilder und führt vor Augen, wie sich idealisierte, gleichzeitig weit entfernte Persönlichkeiten, mit den Identitäten junger Mädchen vermischen. Sie weist auf den eigentlich innerlich ablaufenden Prozess der Identitätsbildung hin, der in Kindheit und Jugend verstärkt stattfindet. Die Orientierung an inszenierten Rollenvorbildern, etwa aus dem Showbusiness, ist einerseits Mittel zur selbstbestimmten Persönlichkeitsentwicklung andererseits ist es Spiel mit der Illusion. Johanna Reichs Portraits werden, als popkulturelles Zitat, als Plakate in der Stadt und als lebensgroße Poster gezeigt, vergleichbar mit den Postern, die in Zimmern von Jugendlichen hängen. Ergänzend dazu führte Johanna Reich zahllose Gespräche mit Frauen zwischen 30 und 95 Jahren und zeichnet dabei ein zeitgenössische Bild der Frau in unserer Gesellschaft und den Wandel ihrer Rolle zwischen 1945 bis 2015. In ihren Interviews untersucht Johanna Reich, inwieweit Rollenverhalten gesellschaftlichen Strömungen unterliegt oder individuellen Entscheidungen. Das Archiv der Ton und Bildaufnahmen wird kontinuierlich erweitert und soll online wie offline nutzbar sein.

Malte Stienen
Untitled (Angst), 2013

Malte Stienen hat mit „Untitled (Angst)“ ein Werk geschaffen, das die Aktualität und prominente Rolle internetgestützter Informationsfluten für die Ausprägung kultureller Handlungsfelder eindrucksvoll unter Beweis stellt. Um dieser Flut Herr zu werden, hat er sich auf den Mikroblogging-Dienst Twitter konzentriert. Auf Twitter können angemeldete Nutzer telegrammartige Kurznachrichten, sogenannte Tweets, verbreiten. Dafür hat er mit einem handelsüblichen Drucker, einem Modem mit Internetzugang und einem Tisch ein Kunstobjekt geschaffen, das sich ausschließlich mit dem Wort „Angst“ beschäftigt. Denn die Maschine druckt alle Tweets aus, in dem das Wort Angst vorkommt und zwar weltweit. Sobald die „Angstmaschine“ angestellt wird, rattert sie los und druckt fortlaufend alle Tweets aus in denen das Wort Angst vorkommt und produziert in kürzester Zeit einen großen Papierhaufen der während der Ausstellungzeit zu einer noch nicht überschaubaren Größe anwachsen wird. An Hand der Geschwindigkeit des Ausdrucks lassen sich auch bestimmte Ereignisse in der realen Welt ablesen. Wenn es z. B. Gewittert steigt das Mitteilungsbedürfnis der Twittergemeinde dramatisch an.

 

Seyd, Fabian (2016/2017)

In seinen neuen Arbeiten untersucht Fabian Seyd (*1979 Königs Wusterhausen) das häusliche Umfeld. Die Geborgenheit und gleichzeitig die Enge des Wohnraums eröffnen das zentrale Spannungsfeld: Vielschichtige zwischenmenschliche Beziehungen prägen und werden geprägt von diesem konventionalisierten architektonischen Rahmen.

Unter dem Titel „home stories“ wird nicht nur Seyds charakteristische Malerei zu sehen sein, der glasklare Naturalismus, den der Künstler stets durch abstrakte Interventionen aufbricht. Wohnbereiche werden installativ rekonstruiert und durch skulpturale Metaphern umkreist, malerisch bearbeitete Fotografien und Collagen bilden einen formalen Gegenpol zu den dreidimensionalen Werken. Vertraut anmutende Räume verweisen auf gewesene Begegnungen und verschwommene Erinnerungen. Gleichzeitig sind ihnen jene Brüche mit dem beruhigend Bekannten inhärent, die für Fabian Seyds Kunst typisch sind: Heimelige Wärme und Nähe schlagen schnell um in Enge und Beklemmung, Freude des familiären Beisammenseins scheint aufgeladen mit latenten Erwartungshaltungen eines komplexen sozialen Geflechts.

Bastian, M.S. / Isabelle L. (2005/2010/2015)

In der bunten Figurenwelt des M. S. Bastian gibt es eine ureigene, archaische Grundfigur, die seit Jahren immer wieder auftaucht: Pulp. Diese Kunstfigur gibt der Gocher Ausstellung ihren Namen und ist auf vielen gezeigten Arbeiten präsent.
Die Welt des M.S. Bastian ist eine Welt der Figuren, Monstren und Köpfen, eine Welt von einstürzenden Städten, explodierenden Jukeboxen und immer wieder miteinander kommunizierenden Menschen.
Seine Bilder entsprechen einer inneren Haltung, dass alles um ihn herum kommentiert sein will, dass seine Geschichten keinen Anfang und kein Ende haben und dass sie aus dem richtigen Leben stammen müssen, was beim Betrachten seiner Arbeiten den Eindruck von Zeitgeist entstehen lässt. (W. v. Gunten)
Die allgemein verständliche Bildsprache, die sich der Künstler zu eigen gemacht hat, entspringt der bunten Welt des Comics. Aber wie dort, entfaltet sich hinter den vitalen und lustigen Geschichten eine ernste, meist ironische Gesellschaftskritik, die aufzudecken, dem Betrachter aufgegeben wird.

Für Goch konzipierte Bastian zusammen mit seiner Partnerin Isabelle eine raumfüllende Installation wozu auch eine große Wandarbeit zählt. In Ihr entfaltet er seine einzigartige Ideen- und Figurenwelt.
Die Gocher Ausstellung gibt zum ersten mal einen beieindruckenden Überblick über 20 Jahre künstlerische Arbeit eines Künstlers, der die Schnittstelle zwischen bildender Kunst und Comic auf beeindruckende Weise formuliert.

Als ein Mitglied der Künstlergruppe „Könige der Herzen“ war M.S. Bastian bereits in einer Ausstellung im Museum Goch vertreten.

 

 

Bünnagel, Julia (2017)

I´am not shining – I´am burning

Julia Bünnagel ist eine zeitgenössische Bildhauerin, Installationskünstlerin und Soundperformerin aus Köln.

Bünnagels breit gefächertes künstlerisches Instrumentarium umfasst neben Sägezeichnungen, Papierarbeiten, Schrift, Licht und kybernetischen Objekten bildhauerisch bearbeitete Schallplatten, die sie während Performances zu rhythmischen Soundscapes, eigens erzeugten Klanglandschaften, mischt. Sie ist Mitglied des Künstlerkollektivs Sculptress of Sound, das seit 2011 mit ‚spectodramatischen Soundperformances’ auftritt.

In ihren großformatigen modularen Installationen, die den Raum zuweilen überformen und in eine begehbare Landschaft verwandeln können, fließen audiovisuelle Beobachtungen aus Bereichen wie Kybernetik, Architektur, Science Fiction, Musik und Wahrnehmungstheorie mit ein. Die gemeinsame mathematische Grundlage von Sound und Geometrie, das Spannungsfeld von Linie und Fläche, Volumen und Leere bilden Bezugspunkte.

 

http://juliabuennagel.de/de

 

 

 

Lemitz, Jan – Blockbuster. Bilder von Kriegen

Blockbuster – Bilder von Kriegen

In Bilder von Kriegen geht es um die Kontinuität eines militärischen Blicks auf unsere Landschaft, die sich jederzeit in ein Instrument der Kriegführung verwandeln kann.
Bilder und Materialien aus dem Projekt werden an insgesamt vier verschiedenen Orten in der Region am Niederrhein gezeigt.
In Goch werden mittels gefundener und bei Besuchen vor Ort entstandener Aufnahmen die Veränderungen auf dem Gelände der Reichswaldkaserne dokumentiert. Die Bilder der Neu-Erschließung des Areals nach Abriss der Kaserne lassen die Grenzen zwischen einem Vorher und Nachher verschwimmen. Sie machen eine Landschaft im Umbruch sichtbar, die dauerhaft Prozessen teilweise gewaltsamer Veränderungen ausgesetzt ist.
Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs sollte mit der Operation Blockbuster im Frühjahr 1945 der militärische Durchbruch der alliierten Streitkräfte im Reichswald und damit der Weg zur Rheinüberquerung gelingen. Die Kämpfe dieser Zeit haben das Gros der Städte und Dörfer am Niederrhein in kompletter Zerstörung hinterlassen.
Heute hat der Begriff Blockbuster eine Bedeutungsebene, die sich auch auf die unterschiedlichen Darstellungsformate von Kriegen, deren Mediatisierung und Rezeption durch die Öffentlichkeit bezieht.
So spielt die Präsentation auf die Grenzen des Darstellbaren militärischer Szenarien an, die sich zwischen oftmals zwischen Fiktion und realen Bezügen bewegen. Als inhaltliches und metaphorisches Bindeglied für die Diskrepanz zwischen dem was sichtbar sein kann und dem was im Verborgenen bleiben soll, fungiert dabei das bis heute aktive Central Europe Pipeline System, CEPS, eine Versorgungspipeline der NATO, über die Flughäfen und andere militärische Standorte miteinander verknüpft sind. Die in verschiedenen Archiven und Sammlungen recherchierten Bilder werden mit aktuellen Fotografien relevanter Orte über Zeitlinien hinweg zu neuen Narrativen verbunden und in Installationen miteinander in Beziehung gesetzt.
Das Projekt wird durch das Land NRW, den Kulturraum Niederrhein e.V, die Stadt Goch, die Gemeinde Weeze und das Kulturamt der Stadt Neuss gefördert. Ab Ende April wird die Bühne des ASTRA-Theaters, das heute Teil des Royal Air Force Museums am Flughafen Weeze ist, mit einer Installation bespielt. In Neuss werden im September Bilder im ehemaligen ABC-Schutzraum unterhalb des Rathauses und im Atelierhaus der Stadt im Hafen inszeniert.

Jan Lemitz (*1971) lebt und arbeitet als Fotograf in Düsseldorf. Die Zusammenhänge von Landschaft, Architektur, Infrastruktur und deren fotografische Darstellungsweisen  ziehen sich wie ein roter Faden durch seine Praxis.

 

 

 

Lüer, Thomas (2017)

Thomas Lüers Arbeiten nähern sich mit einer zuweilen minimalistischen Reduktion ihrem Gegenstand an – dabei handelt es sich oft nur um einen einfachen Ausschnitt, ein winziges Detail aus einem größeren Zusammenhang. Wie beiläufig beobachtet er alltägliche Phänomene in verschiedenen Arbeitswelten oder im öffentlichen Raum. Mit subtiler Präzision macht der Künstler sichtbar, was oft verborgen bleibt: Licht. Wind. Kleinste Teilchen. Zugleich werden durch seine Pars-pro-toto-Strategie soziologische, wissenschaftstheoretische oder semiotische Fragestellungen aufgegriffen.

Lüer denkt seine Arbeiten, wie nun auch für das Museum Goch für jeden Ausstellungsort neu. Er arbeitet jedoch nicht ortsspezifisch, sondern situationsspezifisch.

ROTATION II, 2017

Rotation II widmet sich, wie bereits Rotation I, der Auseinandersetzung mit visuellen Mustern und den damit verbundenen Prozessen von Wahrnehmung und Erkenntnis. Als installative Setzung im Raum changiert die Arbeit bewusst zwischen skulpturalem Objekt und technischer Apparatur. Auf einem Ring sind in konstanten Abständen metallische Zylinder angeordnet, aus deren Innerem punktuell Lichtimpulse sichtbar werden. Die Abfolge der Lichtsignale erscheint weitestgehend chaotisch, eine Vorhersage, an welcher Stelle das nächste Ereignis auftreten wird, scheint unmöglich. Der Betrachter sieht sich zurückgeworfen auf die Position des externen Beobachters eines Black-Box-Systems, dessen innere Arbeitsprinzipien letztlich verborgen bleiben. Fragen nach den Bedingungen und der Bestimmbarkeit von informativen Codes wie auch von Zufälligkeit rücken in den Fokus. Angesichts der klaren formalen Anlage der Arbeit manifestieren sich gleichwohl essentielle Gegensätze und Ambivalenzen, etwa zwischen der Materialität und Statik der Konstruktion und dem immateriellen Charakter der einer eigen Dynamik folgenden Lichterscheinungen. Rotation II fragt damit letztlich nach den Beziehungen und Divergenzen zwischen einer dinglichen Welt und der Sphäre der Erscheinungen.

HELIX, 2012 

Helix kreist um grundsätzliche Fragen der Produktion und Rezeption von Bildern und bezieht sich auf ein analoges Verfahren der Bildwiedergabe aus den 1930er Jahren. Dabei wird mittels einer rotierenden Spiegelschraube ein Bild jeweils partiell auf einen Bildschirm umgelenkt, wo es in der Wahrnehmung wieder zur Gesamtheit gelangt. Thomas Lüers raumgreifende Skulptur verweist in ihrer schraubenartig gedrehten Form wie auch den spiegelnden Oberflächen auf dieses Verfahren, weicht aber zugleich in zwei entscheidenden Punkten von dem „Vorbild“ ab. Einerseits ist Lüers Skulptur statisch, führt also keine Rotationsbewegung aus, zum anderen gibt es keinen projizierenden Lichtstrahl, der auf die spiegelnden Außenflächen der Skulptur geworfen wird. Helix unterläuft als skulpturale Setzung jene Funktionszusammenhänge, wie sie ursprünglich mit der Bildübertragung verbunden sind.
Ein bestimmendes Moment dieser Arbeit ist ihre Stellung im Raum. Dieser wird von der Skulptur nahezu vollständig ausgefüllt, auf die Funktion auf eine umschließende Box reduziert. Dem Betrachter ist der Zutritt geradezu verstellt und jede Möglichkeit genommen, den rückwärtigen Bereich der Skulptur einzusehen. Der Rezipient bleibt buchstäblich ein „Außenstehender“, sein Blick auf die spiegelnde Vorderseite der Skulptur beschränkt. Hier wird auf den gegeneinander verschobenen Lamellen ein vielfach gebrochenes Spiegelbild sichtbar, dessen Konstellationen sich in Abhängigkeit von der Position des Betrachters radikal verschieben. Ein gesicherter Standpunkt ist nicht zu gewinnen. (Reinhard Buskies)

SPIN, 2010

Die Videoinstallation „Spin“ (Foto oben) beginnt mit einer Bildfolge sich drehender Gänge, in denen man nur für kurze Augenblicke zwei sich bewegende Gestalten erkennen kann. Allerdings ist die Bewegung für unser Gehirn zu schnell um tatsächlich Details wahrnehmen zu können. Daran anschließend erscheint ein kurzer Ausschnitt der identischen Bildfolge, dieses mal jedoch in extremer Zeitdehnung, so als wäre ein imaginierter Betrachter entschlossen, ein ganz bestimmtes Detail des dokumentierten Vorganges auf keinen Fall zu verpassen. Diese Installation ist an einen Versuchsaufbau angelehnt, der in der Kognitionsforschung verwendet wird. Bei diesem Experiment wird die Lernfähigkeit der Versuchstiere erforscht. Das Maze (ein verwinkelter Versuchsaufbau) besteht aus 8 Armen. Am Ende nur eines Ganges befindet sich eine Belohnung. Je schneller diese gefunden wird, um so besser wird die individuelle Leistung des Tieres bewertet. Die zwei Figuren in Lüers Projektion gelangen nie in die Nähe des Betrachters, sprich in die Nähe des Ausgangs. Die Drehbewegung fragmentiert ihre Bewegungen, die immer wieder abgeschnitten und doch wiederholt werden, und so gerinnt das Experiment zum Abbild einer beunruhigenden Laterna magica.

Siehe auch: www.thomaslueer.de

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schwontkowski, Norbert (2017)

Norbert Schwontkowski  Dem Tod ins Gesicht gelacht
2. Juli bis 10. September 2017

Eröffnung am Sonntag, 2. Juli 2017 um 11.30 Uhr.
Es spricht: Dr. Jürgen Fitschen, Direktor Kunsthalle Wilhelmshaven

Im Anschluss wird  die Ausstellung in der Kunsthalle Wilhelmshaven gezeigt.
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.

WDR3-Beitrag vom 5.7.2017 zur Ausstellung

Das Museum Goch widmet dem 2013 verstorbenen Maler Norbert Schwontkowski in diesem Sommer eine umfangreiche Ausstellung.
Schwontkowski wurde 1949 in Bremen geboren. Er studierte an der Hochschule für Künste in Bremen. Er erhielt Lehraufträge in Bremen und Greifswald sowie eine Gastprofessur in Braunschweig. 2005 folgte eine Professur an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg. 2013 starb Norbert Schwontkowski in Bremen.
Die große malerische Qualität seiner Bilder, verbunden mit einem subtilen Sinn für Humor zeichnet das malerische Oeuvre des Künstlers aus. Seine Farbgründe sind in vielen Schichten übereinanderliegend durchgearbeitet. Sie bilden den Bühnenraum für die Geschichten, die sich jedoch den Deutungen und dem raschen Zugriff entziehen. Der Betrachter wird allein gelassen mit den stillen und melancholischen Welten. Surreale Geschichten, die mit historischen, religiösen oder auch alltäglichen Bezügen spielen aber beim Betrachter mehr Zweifel als Sicherheit hinterlassen.
Norbert  Schwontkowskis Werk ist  „durchdrungen von einer stillen, surrealen Spiritualität, wie sie die deutsche Romantik heraufbeschwor. Ihr fügte er allerdings einen subtilen Witz hinzu, der auch ihn selbst zu einem amüsierten Melancholiker machte – mit schwarzer Hornbrille, gerne Schal und obligatorischer Zigarette wirkte er immer ein wenig wie aus dem Paris der 50er-Jahre herausgefallen“. (Zitat: Monopol, 17.6.2013)

Die Ausstellung umfasst Arbeiten aus allen Werkphasen des Künstlers, beginnend mit einem frühen Werk aus dem Jahr dem Jahr 1985 bis hin zu den letzten Bildern, die Schwontkowski kurz vor seinem Tod fertig stellte. Sämtliche Werke stammen aus einer süddeutschen Privatsammlung und sind in dieser Zusammenstellung noch nicht gezeigt worden.

Der Titel der Ausstellung spielt an auf die Bezeichnung eines Gemäldes aus dem Jahr 1994. Es zeigt vor fahl-grauem Grund eine Achterbahn, ein fragiles Gerüst auf dem die Bahn ihre endlosen Runden dreht. Das Bild ist charakteristisch für die Weise, in der es Schwontkowski immer wieder gelingt, Metaphern für die existenziellen Fragen des Lebens zu finden.

TAVIDAN

TAVIDAN – Georgien und Deutschland im künstlerischen Dialog
24. September bis 12. November 2017

Die Ausstellung ist eine Kooperation mit dem Frauenkulturbüro NRW und wird gefördert vom Land NRW.

Zum Jubiläum der 200-jährigen Freundschaft zwischen Georgien und Deutschland präsentiert das Museum Goch das Kunstprojekt TAVDIAN. Die Kuratorin Maria Wildeis, das Frauenkulturbüro NRW e.V. und das Museum Goch beteiligten sich bereits an einer vorausgehenden Ausstellung im Juni im CCA – Center for Contemporary Art Tbilisi, mit 20 Künstlern aus beiden Ländern.
Die Werke von Caroline Bayer (Berlin), Ana Chaduneli (Rustavi, Georgien), Patrick Rieve (Köln) und Kote Sulaberidze (Tiflis, Georgien) bieten zwischen klassischer Malerei und Neuen Medien einen spannenden Einblick in das Land Georgien und den gemeinsamenen Austausch und regen zudem die Auseinandersetzung mit den künstlerischen Praktiken der Gegenwart an.
Kote Sulaberidze (Tiflis, Georgien) ermöglicht mit seinen Malereien sehr persönliche Einblicke als Zeitzeuge in die konfliktreiche Vergangenheit des Landes Georgien. In seinen Malereien setzt er auch Schrift und Symbole ein, um Kartografien und Kataloge zu erstellen. Die angeborene Farbsehstörung des Künstlers umfängt die sehr gesättigten Farbräume mit einer besonderen Qualität. Der Künstler präsentiert zwei seiner Arbeiten, die persönliche und historische Ereignisse in einem Land vieler politischer Umbrüche künstlerisch manifestiert. Sulaberidze ist 1968 in Tiflis geboren und beteiligt sich seit Jahrzehnten an internationalen Ausstellungen.
Caroline Bayer ist Berliner Installationskünstlerin, die 1973 in Stolberg (Rhld) geboren wurde und an der Kunstakademie Münster bei Maik und Dirk Löbbert als Meisterschülerin abschloss. Ihre Installationen sind streng ortsbezogen: die Geometrie oder der Grundriss des Raumes, wie auch soziale und historische Bezüge zu Architekturen werden in Plastiken und Objektkompositionen übersetzt. Bayer zeigt in Goch eine Plastik, die das Verkehrsministerium in Tiflis, ein faszinierender Beton-Brut-Bau aus den 1970er Jahren, thematisch aufgreift.
Auch die Zeichnungen von Patrick Rieve (1971 in Jülich geboren, Studium der visuellen Kommunikation an der HfbK Hamburg, lebt in Köln), ermöglichen einen Blick auf den Austausch von TAVIDAN. Zeichnungen, die im Zusammenhang mit dem Projekt entstanden sind und erstmals in der Ausstellung in Tiflis unter dem Titel: „Die letzten Fragen“ gezeigt wurden, bindet der Künstler zu einem Magazin, das vor Ort ausgestetllt wird.
Ana Chaduneli ist 1990 in Rustavi, Georgien, geboren und zeigt in ihren Kompositionen, Videoarbeiten und Objekten eine sehr junge, persönliche Ausdrucksweise im gegenwärtigen Kunstdiskurs. Sie wird eine Videoarbeit für das Museum Goch konzipieren.

Das Museum Goch fördert seit 2013 den Künstlerinnenaustausch mit dem Frauenkulturbüro NRW e.V. zwischen Deutschland, Georgien und Armenien und steht so in einer persönlichen, freundschaftlichen Nähe zum Kaukasus.

Ein begleitender Katalog dokumentiert den künstlerischen Austausch u.a. mit Texten von Prof. Dr. Ludger Schwarte (Professor für Philosophie an der Kunstakademie Düsseldorf).

www.tavidan.net

 

Erben, Ulrich (2016/2017)

Ulrich Erben, 1940 in Düsseldorf geboren, studierte in Hamburg, Venedig, München und Berlin. Er gehört seit Mitte der 60er Jahren zu den wichtigen Malern und Zeichner des Landes. Zwischen 1980 und 2005 hatte er eine Professur an der Kunstakademie Münster inne. Der Teilnehmer der documenta VI erhielt zahlreiche Auszeichnungen und lebt in Düsseldorf, Bagnoregio (Italien) und am Niederrhein.
Zum ersten Mal konfrontiert diese Ausstellung die ganz frühen Zeichnungen, die zwischen 1960 bis Mitte der 70er Jahre hinein entstanden sind mit einem aktuellen Gemälde aus diesem Jahr.
Ulrich Erben, der diese Zusammenstellung selbst kuratiert hat, sucht den Blick auf über 50 Jahre künstlerisches Schaffen. Erstmals wird im Museum Goch eine Ausstellung realisiert, die in dieser Konsequenz noch nicht zu sehen war.
Der Verzicht auf zahlreiche Zwischenstufen, lässt einerseits die radikale Entscheidung des Künstlers für das konkrete Bild offenkundig werden. Anderseits zeigen aber bereits die frühen Zeichnungen aus Italien, Spanien, New York und Deutschland, wie sehr Erben an der strukturellen Erfassung der Wirklichkeit interessiert war. Er verfällt nicht in romantische Postkartenmotive in Venedig oder Bilbao, sondern ist auf der Suche nach Klarheit, Struktur und Form. Darüber hinaus werden bereits die malerischen Qualitäten sichtbar. Erben begreift die Farbe nicht als perspektivische Dingbeschreibung, sondern ganz im Sinne der Farbfeldmalerei seiner Zeit.
Neben diesen formalen Kriterien wird deutlich, wie sehr die beiden Kulturlandschaften, das Latium und der Niederrhein, die Kulisse bieten, vor welcher der Maler und Zeichner Ulrich Erben seit den frühen 60er Jahren bis heute ein beeindruckendes und konsequentes künstlerisches Werk entfaltet.
Mit dem für die Ausstellung ausgewählten Gemälde Festlegung des Unbegrenzten, das 2016 in Düsseldorf entstand, findet Erben zu jener kompromisslosen und radikalen Bildform, die sein Spätwerk bestimmt.
In dieser Malerei ereignet sich Raum und Zeit in seiner Unendlichkeit. Das Medium aber ist die Farbe. Die Zeitlosigkeit, in die bereits die frühen Architekturen gesetzt sind, diese Zeitlosigkeit ergreift nun den Betrachter selbst. Jegliche Verortung, jeglicher Versuch Halt zu finden, jegliches Gerüst von Hilfs- und Konstruktionslinien gibt es nicht mehr. Es ist, als sehe man den Himmel offen. Ulrich Erben hat die Perspektive verändert. Das was sich Jahre zuvor noch in den Fenstern und Mauern eingezwängt ereignete, öffnet sich nun in einem scheinbar unendlichen Raum.

Die Ausstellung wird gefördert von der Sparkasse Goch sowie den Stadtwerken Goch.