WIRKLICH JETZT! (2016)

WIRKLICH JETZT!

Teilnehmende Künstler: Jérome Gerull, Malte Stienen, Johanna Reich, Henning Frederik Malz, Peter Loewy (Essen), Eli Cortiñas

Die Ausstellung wird gefördert von der Kunststiftung NRW.

Unter dem Titel WIRKLICH JETZT! präsentiert das Museum Goch eine Reihe von künstlerischen Arbeiten, die sich medial unterschiedlich ausgerichtet mit uns umgebenden Lebenswirklichkeiten beschäftigen. Zugleich stellt die Ausstellung Fragen bezüglich der Relevanz, der mit den gezeigten Kunstwerken reflektierten Wirklichkeitsbezüge für den gegenwärtigen Kunst- und Ausstellungsbetrieb. Welche Trends, Sichtbarkeiten und Phänomene unserer Lebenswirklichkeit sind kunst- und ausstellungswürdig? Und sollen Ausstellungsinstitutionen mehr denn je die Rolle von Kraftwerken spielen, welche derartige Trends, Modeerscheinungen etc. ungefiltert reflektieren oder in ihrer visuellen Präsenz möglicherweise noch verstärken? Welche Erwartungen hegt das Publikum gegenüber Ausstellungsorten wie Kunstvereinen, freien Künstlerhäusern und Museen? Und wie definieren sich diese Orte selbst im Hinblick auf ihren Stellenwert im Kunstbetrieb und in der Gesellschaft? Wie aktuell müssen Ausstellungen sein? Atemlos jedem Trend, jeder Mode hinterherjagen, weil man sich damit gegenüber der Konkurrenz abhebt und mehr Besuchergruppen erreichen kann? Oder sich gerade bewusst dem Risiko aussetzen, noch nicht historisierbare künstlerische Äußerungen aufzugreifen, in bestimmte Zusammenhänge zu setzen, um sich so auf qualitativ hohem Niveau immer wieder neu mit unserer Wirklichkeit auseinanderzusetzen?

Die Ausstellung versucht weniger, auf derartige Fragen fertige Antworten zu geben. Stattdessen ist der Besucher selbst aufgefordert, seine individuelle Haltung zu den Kunstwerken zu finden, ihre Kunstwürdigkeit und -wertigkeit kritisch zu deuten und letztendlich seine Erwartungshaltung gegenüber etablierten Ausstellungsinstitutionen zu formulieren.

 

Eli Cortiñas
Paraiso Animal, 2015

In ihrem jüngsten Video, „Paraiso Animal“, löst sich Eli Cortiñas von der in früheren Arbeiten gegebenen ausschließlichen Verwendung von found footage und arbeitet nun mit selbstgedrehtem Material, um so ihre Filmsprache und Arbeitsmethodik konsequent weiter zu entwickeln. Sie übernimmt in Paraiso Animal mithilfe einer Bärenmaske die Rolle eines Tieres, das seines ursprünglichen Lebensraums beraubt und zunehmend in den städtischen Raum gedrängt wird. Bilder von der einsamen Stadt und der üppig wuchernden Natur wechseln sich ab, wobei das Tier in seinem vermeintlich natürlichen Habitat zu erstarren scheint. Die Arbeit ist als offene Serie mit mehreren Kapiteln konzipiert und wird fortlaufend weitergedreht.

Jérome Gerull
Stadt Gestalten
Renaissance der Städte

Der in Hamburg lebende Fotograf Jérome Gerull hat in den letzten zwei Jahren anonyme Portraits von in Deutschland lebenden Street Art Künstlern und ihren bevorzugten urbanen Spielorten gemacht. Fotografiert hat Gerull Künstler wie Alias, El Bocho, Hallo Karlo, Herbird, Hkdns, Lieb Sein, Marshal Arts, Pirho, Push, Ping Pong, Sope, Späm, Tona und Urben, die im Halbdunkel urbaner Labyrinthe leben und häufig versteckt agieren. Das Ergebnis ihrer illegalen Spray-Aktionen ist die Trophäe eines trotzigen Aufbegehrens gegenüber Obrigkeiten, vermeintlich ungerechten Verteilungsmechanismen oder eine mehr oder weniger ausgeprägten Haltung zu stadt-politischen Entscheidungsvorgängen. Streetartists sind bewusst oder unbewusst ein Teil der Bewegung „Recht auf Stadt“, welche die Städte u.a. nicht alleinig den allgegenwärtigen Investoren überlassen möchten. Die Künstler wollen die urbanen Räume mit- und umgestalten.
In seiner Serie „Stadtgestalten“ hat der Fotograf Jérome Gerull die Künstler bei ihren nächtlichen Streifzügen und in ihren Ateliers in Berlin und Hamburg intensiv begleitet und porträtiert. Die Bilder zeigen eine versteckt agierende, gut vernetzte urbane Künstlerbewegung.
In seiner Serie „Renaissance der Städte“ begleitet er symbolhaft den Aufwertungsprozess von deutschen Großstädten.

Henning Frederik Malz
Video, Installation, 2015

Die Arbeiten des Videokünstlers Henning Frederik Malz entstehen in der Regel aus dem Kontext einer andauernden Serie von Found Footage Kurzfilmen. Der Künstler ist ein sezierender Beobachter seines eigenen Mediums und durchforstet Spielfilme, Imagefilme oder auch Musikvideos nach prägnanten Motiven, die als Filtrat des jeweiligen Bild Vokabulars sich derer Versprechen bedienen und reflektieren. Präzise akkumuliert er im Schnitt die Bilder zu einem dichten Sog, der die Mechanismen narrativer Strukturen übersteigert und in analytischer Distanz kommentiert. Die Quelle seines Materials findet er in den Medien- und abspieltechnischen Umwälzungen der 80er, 90er und 00er Jahre– von VHS, DVD bis Youtube. Seine experimentellen Filme sind eine Komprimierung ausgewählter Bilder von nahezu ikonischer Qualität, die weniger auf repräsentativen Anspruch zielen, als dass sie auf die Rhetorik des ursprünglichen Materials verweisen. Erstmalig erweitert er in seiner im Museum Goch gezeigten Arbeit sein künstlerisches Repertoire und inszeniert seine Videoarbeit in Mitten von skulpturalen Objekten. Während einige mit reflektierendem Abwehrband für Wildtiere sich eindeutig in dem Bereich von Vogelscheuchen verorten lassen, changieren die Objekte, die in Form eines (verbundenen) Kopfes auf einer Stange befestigt sind, zwischen Vogelscheuche und Gruselobjekt. Dazwischen läuft ein Film der verschiedene Szenen aus menschenleeren Gegenden zeigt, die sofort an Horrorfilme erinnern ohne jedoch eine einzige Horrorszene zu zeigen.

 Johanna Reich
Heroines und Amazonen

Johanna Reich sammelt auf einer bildnerischen Ebene digtale Collagen: junge Mädchen werden in Bewegt- und Standbild portraitiert, während auf ihren Gesichtern ihre jeweiligen Vorbilder projiziert werden. Jede Teilnehmerin wählt für sich das Bild einer Ikone aus, die sie aufgrund von Charakter, Lebenslauf oder einer speziellen Begabung fasziniert. Dieses Bild wird auf das Gesicht der Teilnehmerin projiziert und mit der Kamera festgehalten. In der Verschmelzung von Projektion und Gesicht entsteht ein neues, eigenständiges Portrait, das seine Energie aus dem Spannungsfeld zwischen ikonenhafter Inszenierung und alltäglicher Gegenwart schafft; es entsteht eine Heroine, benannt nach den Halbgötinnen der Antike. Daran anschließend nimmt die Arbeit Heroines sich die in den Traumfabriken und den Massenmedien erzeugten Bilder und führt vor Augen, wie sich idealisierte, gleichzeitig weit entfernte Persönlichkeiten, mit den Identitäten junger Mädchen vermischen. Sie weist auf den eigentlich innerlich ablaufenden Prozess der Identitätsbildung hin, der in Kindheit und Jugend verstärkt stattfindet. Die Orientierung an inszenierten Rollenvorbildern, etwa aus dem Showbusiness, ist einerseits Mittel zur selbstbestimmten Persönlichkeitsentwicklung andererseits ist es Spiel mit der Illusion. Johanna Reichs Portraits werden, als popkulturelles Zitat, als Plakate in der Stadt und als lebensgroße Poster gezeigt, vergleichbar mit den Postern, die in Zimmern von Jugendlichen hängen. Ergänzend dazu führte Johanna Reich zahllose Gespräche mit Frauen zwischen 30 und 95 Jahren und zeichnet dabei ein zeitgenössische Bild der Frau in unserer Gesellschaft und den Wandel ihrer Rolle zwischen 1945 bis 2015. In ihren Interviews untersucht Johanna Reich, inwieweit Rollenverhalten gesellschaftlichen Strömungen unterliegt oder individuellen Entscheidungen. Das Archiv der Ton und Bildaufnahmen wird kontinuierlich erweitert und soll online wie offline nutzbar sein.

Malte Stienen
Untitled (Angst), 2013

Malte Stienen hat mit „Untitled (Angst)“ ein Werk geschaffen, das die Aktualität und prominente Rolle internetgestützter Informationsfluten für die Ausprägung kultureller Handlungsfelder eindrucksvoll unter Beweis stellt. Um dieser Flut Herr zu werden, hat er sich auf den Mikroblogging-Dienst Twitter konzentriert. Auf Twitter können angemeldete Nutzer telegrammartige Kurznachrichten, sogenannte Tweets, verbreiten. Dafür hat er mit einem handelsüblichen Drucker, einem Modem mit Internetzugang und einem Tisch ein Kunstobjekt geschaffen, das sich ausschließlich mit dem Wort „Angst“ beschäftigt. Denn die Maschine druckt alle Tweets aus, in dem das Wort Angst vorkommt und zwar weltweit. Sobald die „Angstmaschine“ angestellt wird, rattert sie los und druckt fortlaufend alle Tweets aus in denen das Wort Angst vorkommt und produziert in kürzester Zeit einen großen Papierhaufen der während der Ausstellungzeit zu einer noch nicht überschaubaren Größe anwachsen wird. An Hand der Geschwindigkeit des Ausdrucks lassen sich auch bestimmte Ereignisse in der realen Welt ablesen. Wenn es z. B. Gewittert steigt das Mitteilungsbedürfnis der Twittergemeinde dramatisch an.

 

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