WIRKLICH JETZT! (2016)

WIRKLICH JETZT!

Teilnehmende Künstler: Jérome Gerull, Malte Stienen, Johanna Reich, Henning Frederik Malz, Peter Loewy (Essen), Eli Cortiñas

Die Ausstellung wird gefördert von der Kunststiftung NRW.

Unter dem Titel WIRKLICH JETZT! präsentiert das Museum Goch eine Reihe von künstlerischen Arbeiten, die sich medial unterschiedlich ausgerichtet mit uns umgebenden Lebenswirklichkeiten beschäftigen. Zugleich stellt die Ausstellung Fragen bezüglich der Relevanz, der mit den gezeigten Kunstwerken reflektierten Wirklichkeitsbezüge für den gegenwärtigen Kunst- und Ausstellungsbetrieb. Welche Trends, Sichtbarkeiten und Phänomene unserer Lebenswirklichkeit sind kunst- und ausstellungswürdig? Und sollen Ausstellungsinstitutionen mehr denn je die Rolle von Kraftwerken spielen, welche derartige Trends, Modeerscheinungen etc. ungefiltert reflektieren oder in ihrer visuellen Präsenz möglicherweise noch verstärken? Welche Erwartungen hegt das Publikum gegenüber Ausstellungsorten wie Kunstvereinen, freien Künstlerhäusern und Museen? Und wie definieren sich diese Orte selbst im Hinblick auf ihren Stellenwert im Kunstbetrieb und in der Gesellschaft? Wie aktuell müssen Ausstellungen sein? Atemlos jedem Trend, jeder Mode hinterherjagen, weil man sich damit gegenüber der Konkurrenz abhebt und mehr Besuchergruppen erreichen kann? Oder sich gerade bewusst dem Risiko aussetzen, noch nicht historisierbare künstlerische Äußerungen aufzugreifen, in bestimmte Zusammenhänge zu setzen, um sich so auf qualitativ hohem Niveau immer wieder neu mit unserer Wirklichkeit auseinanderzusetzen?

Die Ausstellung versucht weniger, auf derartige Fragen fertige Antworten zu geben. Stattdessen ist der Besucher selbst aufgefordert, seine individuelle Haltung zu den Kunstwerken zu finden, ihre Kunstwürdigkeit und -wertigkeit kritisch zu deuten und letztendlich seine Erwartungshaltung gegenüber etablierten Ausstellungsinstitutionen zu formulieren.

 

Eli Cortiñas
Paraiso Animal, 2015

In ihrem jüngsten Video, „Paraiso Animal“, löst sich Eli Cortiñas von der in früheren Arbeiten gegebenen ausschließlichen Verwendung von found footage und arbeitet nun mit selbstgedrehtem Material, um so ihre Filmsprache und Arbeitsmethodik konsequent weiter zu entwickeln. Sie übernimmt in Paraiso Animal mithilfe einer Bärenmaske die Rolle eines Tieres, das seines ursprünglichen Lebensraums beraubt und zunehmend in den städtischen Raum gedrängt wird. Bilder von der einsamen Stadt und der üppig wuchernden Natur wechseln sich ab, wobei das Tier in seinem vermeintlich natürlichen Habitat zu erstarren scheint. Die Arbeit ist als offene Serie mit mehreren Kapiteln konzipiert und wird fortlaufend weitergedreht.

Jérome Gerull
Stadt Gestalten
Renaissance der Städte

Der in Hamburg lebende Fotograf Jérome Gerull hat in den letzten zwei Jahren anonyme Portraits von in Deutschland lebenden Street Art Künstlern und ihren bevorzugten urbanen Spielorten gemacht. Fotografiert hat Gerull Künstler wie Alias, El Bocho, Hallo Karlo, Herbird, Hkdns, Lieb Sein, Marshal Arts, Pirho, Push, Ping Pong, Sope, Späm, Tona und Urben, die im Halbdunkel urbaner Labyrinthe leben und häufig versteckt agieren. Das Ergebnis ihrer illegalen Spray-Aktionen ist die Trophäe eines trotzigen Aufbegehrens gegenüber Obrigkeiten, vermeintlich ungerechten Verteilungsmechanismen oder eine mehr oder weniger ausgeprägten Haltung zu stadt-politischen Entscheidungsvorgängen. Streetartists sind bewusst oder unbewusst ein Teil der Bewegung „Recht auf Stadt“, welche die Städte u.a. nicht alleinig den allgegenwärtigen Investoren überlassen möchten. Die Künstler wollen die urbanen Räume mit- und umgestalten.
In seiner Serie „Stadtgestalten“ hat der Fotograf Jérome Gerull die Künstler bei ihren nächtlichen Streifzügen und in ihren Ateliers in Berlin und Hamburg intensiv begleitet und porträtiert. Die Bilder zeigen eine versteckt agierende, gut vernetzte urbane Künstlerbewegung.
In seiner Serie „Renaissance der Städte“ begleitet er symbolhaft den Aufwertungsprozess von deutschen Großstädten.

Henning Frederik Malz
Video, Installation, 2015

Die Arbeiten des Videokünstlers Henning Frederik Malz entstehen in der Regel aus dem Kontext einer andauernden Serie von Found Footage Kurzfilmen. Der Künstler ist ein sezierender Beobachter seines eigenen Mediums und durchforstet Spielfilme, Imagefilme oder auch Musikvideos nach prägnanten Motiven, die als Filtrat des jeweiligen Bild Vokabulars sich derer Versprechen bedienen und reflektieren. Präzise akkumuliert er im Schnitt die Bilder zu einem dichten Sog, der die Mechanismen narrativer Strukturen übersteigert und in analytischer Distanz kommentiert. Die Quelle seines Materials findet er in den Medien- und abspieltechnischen Umwälzungen der 80er, 90er und 00er Jahre– von VHS, DVD bis Youtube. Seine experimentellen Filme sind eine Komprimierung ausgewählter Bilder von nahezu ikonischer Qualität, die weniger auf repräsentativen Anspruch zielen, als dass sie auf die Rhetorik des ursprünglichen Materials verweisen. Erstmalig erweitert er in seiner im Museum Goch gezeigten Arbeit sein künstlerisches Repertoire und inszeniert seine Videoarbeit in Mitten von skulpturalen Objekten. Während einige mit reflektierendem Abwehrband für Wildtiere sich eindeutig in dem Bereich von Vogelscheuchen verorten lassen, changieren die Objekte, die in Form eines (verbundenen) Kopfes auf einer Stange befestigt sind, zwischen Vogelscheuche und Gruselobjekt. Dazwischen läuft ein Film der verschiedene Szenen aus menschenleeren Gegenden zeigt, die sofort an Horrorfilme erinnern ohne jedoch eine einzige Horrorszene zu zeigen.

 Johanna Reich
Heroines und Amazonen

Johanna Reich sammelt auf einer bildnerischen Ebene digtale Collagen: junge Mädchen werden in Bewegt- und Standbild portraitiert, während auf ihren Gesichtern ihre jeweiligen Vorbilder projiziert werden. Jede Teilnehmerin wählt für sich das Bild einer Ikone aus, die sie aufgrund von Charakter, Lebenslauf oder einer speziellen Begabung fasziniert. Dieses Bild wird auf das Gesicht der Teilnehmerin projiziert und mit der Kamera festgehalten. In der Verschmelzung von Projektion und Gesicht entsteht ein neues, eigenständiges Portrait, das seine Energie aus dem Spannungsfeld zwischen ikonenhafter Inszenierung und alltäglicher Gegenwart schafft; es entsteht eine Heroine, benannt nach den Halbgötinnen der Antike. Daran anschließend nimmt die Arbeit Heroines sich die in den Traumfabriken und den Massenmedien erzeugten Bilder und führt vor Augen, wie sich idealisierte, gleichzeitig weit entfernte Persönlichkeiten, mit den Identitäten junger Mädchen vermischen. Sie weist auf den eigentlich innerlich ablaufenden Prozess der Identitätsbildung hin, der in Kindheit und Jugend verstärkt stattfindet. Die Orientierung an inszenierten Rollenvorbildern, etwa aus dem Showbusiness, ist einerseits Mittel zur selbstbestimmten Persönlichkeitsentwicklung andererseits ist es Spiel mit der Illusion. Johanna Reichs Portraits werden, als popkulturelles Zitat, als Plakate in der Stadt und als lebensgroße Poster gezeigt, vergleichbar mit den Postern, die in Zimmern von Jugendlichen hängen. Ergänzend dazu führte Johanna Reich zahllose Gespräche mit Frauen zwischen 30 und 95 Jahren und zeichnet dabei ein zeitgenössische Bild der Frau in unserer Gesellschaft und den Wandel ihrer Rolle zwischen 1945 bis 2015. In ihren Interviews untersucht Johanna Reich, inwieweit Rollenverhalten gesellschaftlichen Strömungen unterliegt oder individuellen Entscheidungen. Das Archiv der Ton und Bildaufnahmen wird kontinuierlich erweitert und soll online wie offline nutzbar sein.

Malte Stienen
Untitled (Angst), 2013

Malte Stienen hat mit „Untitled (Angst)“ ein Werk geschaffen, das die Aktualität und prominente Rolle internetgestützter Informationsfluten für die Ausprägung kultureller Handlungsfelder eindrucksvoll unter Beweis stellt. Um dieser Flut Herr zu werden, hat er sich auf den Mikroblogging-Dienst Twitter konzentriert. Auf Twitter können angemeldete Nutzer telegrammartige Kurznachrichten, sogenannte Tweets, verbreiten. Dafür hat er mit einem handelsüblichen Drucker, einem Modem mit Internetzugang und einem Tisch ein Kunstobjekt geschaffen, das sich ausschließlich mit dem Wort „Angst“ beschäftigt. Denn die Maschine druckt alle Tweets aus, in dem das Wort Angst vorkommt und zwar weltweit. Sobald die „Angstmaschine“ angestellt wird, rattert sie los und druckt fortlaufend alle Tweets aus in denen das Wort Angst vorkommt und produziert in kürzester Zeit einen großen Papierhaufen der während der Ausstellungzeit zu einer noch nicht überschaubaren Größe anwachsen wird. An Hand der Geschwindigkeit des Ausdrucks lassen sich auch bestimmte Ereignisse in der realen Welt ablesen. Wenn es z. B. Gewittert steigt das Mitteilungsbedürfnis der Twittergemeinde dramatisch an.

 

Seyd, Fabian (2016/2017)

In seinen neuen Arbeiten untersucht Fabian Seyd (*1979 in Berlin) das häusliche Umfeld. Die Geborgenheit und gleichzeitig die Enge des Wohnraums eröffnen das zentrale Spannungsfeld: Vielschichtige zwischenmenschliche Beziehungen prägen und werden geprägt von diesem konventionalisierten architektonischen Rahmen.

Unter dem Titel „home stories“ wird nicht nur Seyds charakteristische Malerei zu sehen sein, der glasklare Naturalismus, den der Künstler stets durch abstrakte Interventionen aufbricht. Wohnbereiche werden installativ rekonstruiert und durch skulpturale Metaphern umkreist, malerisch bearbeitete Fotografien und Collagen bilden einen formalen Gegenpol zu den dreidimensionalen Werken. Vertraut anmutende Räume verweisen auf gewesene Begegnungen und verschwommene Erinnerungen. Gleichzeitig sind ihnen jene Brüche mit dem beruhigend Bekannten inhärent, die für Fabian Seyds Kunst typisch sind: Heimelige Wärme und Nähe schlagen schnell um in Enge und Beklemmung, Freude des familiären Beisammenseins scheint aufgeladen mit latenten Erwartungshaltungen eines komplexen sozialen Geflechts.

Bastian, M.S. / Isabelle L. (2005/2010/2015)

In der bunten Figurenwelt des M. S. Bastian gibt es eine ureigene, archaische Grundfigur, die seit Jahren immer wieder auftaucht: Pulp. Diese Kunstfigur gibt der Gocher Ausstellung ihren Namen und ist auf vielen gezeigten Arbeiten präsent.
Die Welt des M.S. Bastian ist eine Welt der Figuren, Monstren und Köpfen, eine Welt von einstürzenden Städten, explodierenden Jukeboxen und immer wieder miteinander kommunizierenden Menschen.
Seine Bilder entsprechen einer inneren Haltung, dass alles um ihn herum kommentiert sein will, dass seine Geschichten keinen Anfang und kein Ende haben und dass sie aus dem richtigen Leben stammen müssen, was beim Betrachten seiner Arbeiten den Eindruck von Zeitgeist entstehen lässt. (W. v. Gunten)
Die allgemein verständliche Bildsprache, die sich der Künstler zu eigen gemacht hat, entspringt der bunten Welt des Comics. Aber wie dort, entfaltet sich hinter den vitalen und lustigen Geschichten eine ernste, meist ironische Gesellschaftskritik, die aufzudecken, dem Betrachter aufgegeben wird.

Für Goch konzipierte Bastian zusammen mit seiner Partnerin Isabelle eine raumfüllende Installation wozu auch eine große Wandarbeit zählt. In Ihr entfaltet er seine einzigartige Ideen- und Figurenwelt.
Die Gocher Ausstellung gibt zum ersten mal einen beieindruckenden Überblick über 20 Jahre künstlerische Arbeit eines Künstlers, der die Schnittstelle zwischen bildender Kunst und Comic auf beeindruckende Weise formuliert.

Als ein Mitglied der Künstlergruppe „Könige der Herzen“ war M.S. Bastian bereits in einer Ausstellung im Museum Goch vertreten.

 

 

Julia Bünnagel

I´am not shining – I´am burning

Julia Bünnagel ist eine zeitgenössische Bildhauerin, Installationskünstlerin und Soundperformerin aus Köln.

Bünnagels breit gefächertes künstlerisches Instrumentarium umfasst neben Sägezeichnungen, Papierarbeiten, Schrift, Licht und kybernetischen Objekten bildhauerisch bearbeitete Schallplatten, die sie während Performances zu rhythmischen Soundscapes, eigens erzeugten Klanglandschaften, mischt. Sie ist Mitglied des Künstlerkollektivs Sculptress of Sound, das seit 2011 mit ‚spectodramatischen Soundperformances’ auftritt.

In ihren großformatigen modularen Installationen, die den Raum zuweilen überformen und in eine begehbare Landschaft verwandeln können, fließen audiovisuelle Beobachtungen aus Bereichen wie Kybernetik, Architektur, Science Fiction, Musik und Wahrnehmungstheorie mit ein. Die gemeinsame mathematische Grundlage von Sound und Geometrie, das Spannungsfeld von Linie und Fläche, Volumen und Leere bilden Bezugspunkte.

 

 

 

Lemitz, Jan – Blockbuster. Bilder von Kriegen

Blockbuster – Bilder von Kriegen

In Bilder von Kriegen geht es um die Kontinuität eines militärischen Blicks auf unsere Landschaft, die sich jederzeit in ein Instrument der Kriegführung verwandeln kann.
Bilder und Materialien aus dem Projekt werden an insgesamt vier verschiedenen Orten in der Region am Niederrhein gezeigt.
In Goch werden mittels gefundener und bei Besuchen vor Ort entstandener Aufnahmen die Veränderungen auf dem Gelände der Reichswaldkaserne dokumentiert. Die Bilder der Neu-Erschließung des Areals nach Abriss der Kaserne lassen die Grenzen zwischen einem Vorher und Nachher verschwimmen. Sie machen eine Landschaft im Umbruch sichtbar, die dauerhaft Prozessen teilweise gewaltsamer Veränderungen ausgesetzt ist.
Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs sollte mit der Operation Blockbuster im Frühjahr 1945 der militärische Durchbruch der alliierten Streitkräfte im Reichswald und damit der Weg zur Rheinüberquerung gelingen. Die Kämpfe dieser Zeit haben das Gros der Städte und Dörfer am Niederrhein in kompletter Zerstörung hinterlassen.
Heute hat der Begriff Blockbuster eine Bedeutungsebene, die sich auch auf die unterschiedlichen Darstellungsformate von Kriegen, deren Mediatisierung und Rezeption durch die Öffentlichkeit bezieht.
So spielt die Präsentation auf die Grenzen des Darstellbaren militärischer Szenarien an, die sich zwischen oftmals zwischen Fiktion und realen Bezügen bewegen. Als inhaltliches und metaphorisches Bindeglied für die Diskrepanz zwischen dem was sichtbar sein kann und dem was im Verborgenen bleiben soll, fungiert dabei das bis heute aktive Central Europe Pipeline System, CEPS, eine Versorgungspipeline der NATO, über die Flughäfen und andere militärische Standorte miteinander verknüpft sind. Die in verschiedenen Archiven und Sammlungen recherchierten Bilder werden mit aktuellen Fotografien relevanter Orte über Zeitlinien hinweg zu neuen Narrativen verbunden und in Installationen miteinander in Beziehung gesetzt.
Das Projekt wird durch das Land NRW, den Kulturraum Niederrhein e.V, die Stadt Goch, die Gemeinde Weeze und das Kulturamt der Stadt Neuss gefördert. Ab Ende April wird die Bühne des ASTRA-Theaters, das heute Teil des Royal Air Force Museums am Flughafen Weeze ist, mit einer Installation bespielt. In Neuss werden im September Bilder im ehemaligen ABC-Schutzraum unterhalb des Rathauses und im Atelierhaus der Stadt im Hafen inszeniert.

Jan Lemitz (*1971) lebt und arbeitet als Fotograf in Düsseldorf. Die Zusammenhänge von Landschaft, Architektur, Infrastruktur und deren fotografische Darstellungsweisen  ziehen sich wie ein roter Faden durch seine Praxis.

 

 

 

Erben, Ulrich (2016/2017)

Ulrich Erben, 1940 in Düsseldorf geboren, studierte in Hamburg, Venedig, München und Berlin. Er gehört seit Mitte der 60er Jahren zu den wichtigen Malern und Zeichner des Landes. Zwischen 1980 und 2005 hatte er eine Professur an der Kunstakademie Münster inne. Der Teilnehmer der documenta VI erhielt zahlreiche Auszeichnungen und lebt in Düsseldorf, Bagnoregio (Italien) und am Niederrhein.
Zum ersten Mal konfrontiert diese Ausstellung die ganz frühen Zeichnungen, die zwischen 1960 bis Mitte der 70er Jahre hinein entstanden sind mit einem aktuellen Gemälde aus diesem Jahr.
Ulrich Erben, der diese Zusammenstellung selbst kuratiert hat, sucht den Blick auf über 50 Jahre künstlerisches Schaffen. Erstmals wird im Museum Goch eine Ausstellung realisiert, die in dieser Konsequenz noch nicht zu sehen war.
Der Verzicht auf zahlreiche Zwischenstufen, lässt einerseits die radikale Entscheidung des Künstlers für das konkrete Bild offenkundig werden. Anderseits zeigen aber bereits die frühen Zeichnungen aus Italien, Spanien, New York und Deutschland, wie sehr Erben an der strukturellen Erfassung der Wirklichkeit interessiert war. Er verfällt nicht in romantische Postkartenmotive in Venedig oder Bilbao, sondern ist auf der Suche nach Klarheit, Struktur und Form. Darüber hinaus werden bereits die malerischen Qualitäten sichtbar. Erben begreift die Farbe nicht als perspektivische Dingbeschreibung, sondern ganz im Sinne der Farbfeldmalerei seiner Zeit.
Neben diesen formalen Kriterien wird deutlich, wie sehr die beiden Kulturlandschaften, das Latium und der Niederrhein, die Kulisse bieten, vor welcher der Maler und Zeichner Ulrich Erben seit den frühen 60er Jahren bis heute ein beeindruckendes und konsequentes künstlerisches Werk entfaltet.
Mit dem für die Ausstellung ausgewählten Gemälde Festlegung des Unbegrenzten, das 2016 in Düsseldorf entstand, findet Erben zu jener kompromisslosen und radikalen Bildform, die sein Spätwerk bestimmt.
In dieser Malerei ereignet sich Raum und Zeit in seiner Unendlichkeit. Das Medium aber ist die Farbe. Die Zeitlosigkeit, in die bereits die frühen Architekturen gesetzt sind, diese Zeitlosigkeit ergreift nun den Betrachter selbst. Jegliche Verortung, jeglicher Versuch Halt zu finden, jegliches Gerüst von Hilfs- und Konstruktionslinien gibt es nicht mehr. Es ist, als sehe man den Himmel offen. Ulrich Erben hat die Perspektive verändert. Das was sich Jahre zuvor noch in den Fenstern und Mauern eingezwängt ereignete, öffnet sich nun in einem scheinbar unendlichen Raum.

Die Ausstellung wird gefördert von der Sparkasse Goch sowie den Stadtwerken Goch.

Wiedmer, Paul (2016)

Objets boudlés

Paul Wiedmer, geboren 1947 in Burgdorf (CH) erhält seine ersten künstlerischen Impulse als Assistent von Bernhard Luginbühl. Schon bald lernt er in Paris Jean Tinguely kennen. Gemeinsam mit Daniel Spoerri, Niki de Saint Phalle wird das künstlerische Umfeld definiert, das Paul Wiedmer in seiner Arbeit nachhaltig beeinflusst und geprägt hat und in das er seine Impulse weitergegeben hat.

Das Werk des Paul Wiedmer ist bereits in zahlreichen Ausstellungen vorgestellt und gewürdigt wurden. Allein in Deutschland blieb bisher eine umfangreichere Rezeption weitgehend aus.

Das Museum Goch möchte im Sommer 2016 erstmals die Werkgruppe der objets boudlés in Deutschland zeigen.
Die 26 Skulpturen entstanden zwischen 1974 und 1976. Bereits 1977 wurden sie erstmals in Zofingen gezeigt. Die Idee zu den Werken entstand 1973 auf einer Reise durch Amerika. Paul Wiedmer erinnert sich, dass er dort zum ersten Mal Metalldetektoren sah, die ihn sofort animierten, wie ein Schatzsucher selbst auf Forschungsreise durch die Schweiz zu gehen. Und so durchkämmte Wiedmer seit 1974 den Schweizer Boden und zwar systematisch, d.h. Kantonsweise. Die so entdeckten und an die Oberfläche gebrachten Relikte formte er zu neuen eigenständigen Arbeiten. Auf diese Weise bekam jeder Kanton eine ihm eigene Skulptur.
Diese lokale kantonale Zuordnung ist ein kreatives Spiel, denn es lässt sich kaum eine eigene Genealogie des jeweiligen Kantons aus den Fundstücken ableiten. Die eigentliche Bedeutung der objets boudlés liegt in ihrer Kraft als autonome Kunstwerke. Sie sind im Kontext der Arbeiten von Bernhard Luginbühl oder auch David Smith zu sehen. Die Metallplastiken sind dreidimensionale Skulptur und Zeichnung gleichermaßen. Sie sind Raumzeichnungen, die im Kontext der internationalen Skulptur gesehen werden muss.

Wie bereits von Pablo Picasso oder auch Julio Gonzales in den 30er Jahren formuliert, verliert der gefundene Gegenstand seine eigene Gegenständlichkeit und wird in eine neue Realität überführt. Dabei sucht Wiedmer, anders als seine Vorläufer in diesen Kantonsarbeiten nicht eine neue gegenständliche Welt. Die Form an sich, die rohe Materialität ist das Ziel. Die Zufälligkeit der ausgegrabenen Gegenstände entwickelt aus sich heraus eine neue Form, spielerisch fügen sich Einzelteile zu einem neuen zusammen und geben ihre eigentliche Bestimmung auf, werden auch bis zu Unkenntlichkeit verarbeitet.
In der Raumauffassung und Erschließung des Raumes folgt Paul Wiedmer den Traditionen seiner Vorgänger. Aber auch hier ist es nicht die Erfindung einer neuen Geschichte, einer surrealen Weltfindung, wie man sie zum Beispiel beim frühen Giacometti findet. Es ist vor allem das spielerische Element, das Paul Wiedmer in die künstlerische Nähe von seinem Lehrer Bernhard Luginbühl oder auch Jean Tinguely führt.

Jenseits der kunsthistorischen Bedeutung Paul Wiedmers verweisen die objets boudlés in ihrem konzeptionellen Ursprung auf einen weiteren Aspekt. Die Objekte machen es einmal mehr sichtbar, wie sehr der Boden auf dem wir leben zum Speicher unserer eigenen Vergangenheit wird. Was einst mühsam zum täglichen Broterwerb diente oder auch achtlos weggeworfen wurde, wird von Paul Wiedmer in einen neuen ästhetischen Sinnzusammenhang überführt und zum zweckfreien Kunstwerk transformiert.
So sind die objets boudlés auch Sinnbilder unserer kulturellen Landschaft und damit bedeutsame Repräsentanten eines jeden Schweizer Kantons.

Die Ausstellung wird erstmals den Zyklus der objets boudlés mit Zeichnungen aus dem Atelier Paul Wiedmers konfrontieren. Hierdurch wird die autonome Kraft der Skulpturen einerseits und die künstlerische Kontinuität innerhalb des Werks von Paul Wiedmer anderseits herausgearbeitet.

Liefland, Joep van (2014)

Video Palace #37 – MANIAC

Joep van Liefland ist Gast im Museum Goch im Rahmen des Jubiläumsprojektes derKunststiftung NRW anlässlich ihres 25jährigen Bestehens.

Joep van Liefland (geb. 1966 Utrecht, NL) widmet sich in seinem künstlerischen Werk dem Thema der Erinnerung oder präziser der Vergänglichkeit von medialen Produkten, bzw. dem Übergang vom analogen zum digitalen Zeitalter.
Seine Arbeit versteht er als eine poetische und ontologische Untersuchung dieses Mediums und deren möglichen Interpretationen und Assoziationen. Der Künstler sammelt seit vielen Jahren analoge Bildträger und deren Hardware, die er auf Flohmärkten und im Sperrmüll findet, um diese für seine raumfüllenden Installationen und seriellen Assemblagen zu verwenden oder monumentale Siebdrucke von ihnen anzufertigen.
Die für Goch konzipierte Arbeit Video Palace #37 – MANIAC lässt sich, so der Künstler  als einen „medialen technologischen Privatkosmos“ verstehen. Durch die Herstellung einer Art Maschinenraum voller Video- und weiteres Speicherequipments knüpft Liefland an die raumfüllende Architekur der 50er Jahre an. In dieser Collage befindet sich der Besucher inmitten eines subjektiven Kosmos und Innenraums, einer Art Zwischenzone zwischen Subjekt und medialem Gerät.
Der Name MANIAC bezeichnet einen der ersten Computer der Nachkriegszeit in Los Alamos. Er ist vor allem entwickelt worden, um die Druckwellen und Explosionsmuster von Nuklearbomben zu berechnen, um diese Waffen weiter zu entwickeln.
Van Liefland interessiert sich nicht für den einmal gespeicherten Inhalt der Video- und Computerdisketten, sondern nimmt die Objekte als Relikte einer vergangenen Zeit, in der es neu war, das jeder, der die benötigte Hardware besaß, selbst bestimmt Ereignisse oder Situationen aufnehmen und für unbestimmte Zeit konservieren und immer wieder abspielen konnte. Zumindest bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Geräte überholt, uninteressant und schlussendlich unbrauchbar wurden. Und obwohl kunsthistorische Referenzen zum Ready-Made, zum Minimalismus und der Pop-Art deutlich sichtbar sind, beschäftigen den Künstler in seiner Arbeit vor allem die philosophischen Aspekte Erinnerung und Tod.
Joep van Liefland lebt in Berlin und studierte Bildhauerei an der Kunstakademie in Utrecht/NL sowie Performance an der University of Kansas/USA.

Aus Anlass des 25jährigen Bestehens der Kunststiftung NRW erhält das Museum Goch als „Geburtstagsgeschenk“ eine Arbeit des niederländischen Künstlers Joep van Liefland für die eigene Sammlung. Die Stiftung hat eine europäische Jury gebeten 25  internationale Künstler nach NRW eingeladen. Diese hat jedem der Künstler eines der 25 ausgezeichneten Museen zugeordnet. Joep van Liefland wurde für das Museum Goch ausgewählt, was schließlich zu der Ausstellung im Jahr 2014 führte.